04.01.2017 / Artikel / / , , , ,

Gerhard Pfister zu Gast in Schaffhausen: Schweiz vor grossen Herausforderungen

Christliche Werte, EU-Aussengrenzen und Schaffhauser Minderwertigkeitskomplexe – CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister deckte während der offenen Diskussion «Schweiz vor grossen Herausforderungen» ein breites Themenspektrum ab.

Der nachfolgende Artikel ist in den Schaffhauser Nachrichten vom 06. 09.2016 erschienen (geschrieben von Alexa Scherrer). Die Fotos stammen von Rita Flück Hänzi.

«In Schaffhausen muss man allen zuerst erklären, was die CVP überhaupt ist», sagte Gerhard Pfister vor drei Monaten im Interview mit den «Schaffhauser Nachrichten». Gestern jetzt ist der Parteipräsident der CVP persönlich gekommen, um genau das zu tun. Im Güterhof stellte er sich den Fragen von Moderator Alexander Blunschi und dem Publikum. Aus allen Nähten geplatzt ist der Saal nicht gerade. Das steht wohl gleichwohl symbolisch für die Anzahl CVP-Mitglieder im Kanton als auch für den gesamtschweizerisch schwindenden Wähleranteil der Partei.

Nicht für das «C» schämen

Klarer positionieren müsse sich seine Partei, sich zur christlichen Tradition bekennen, ohne frömmlerisch zu werden. Die CVPler seien keine besseren Menschen als alle anderen, nur weil sie ein «C» im Parteinamen hätten – «im Gegenteil». Pfister erzählte einen Schwank aus seiner Studienzeit, als ein Professor einst erwähnte, dass ausgerechnet in der Bibliothek der theologischen Fakultät die meisten Bücher gestohlen würden. Dass die CVP-Mitglieder «die Gläubigen» seien, «die Frömmler», diejenigen, «die in die Kirche rennen», damit wolle er aufräumen. «Leute, die so tun, als würden sie Jesus persönlich kennen, sind mir suspekt», sagt der Parteipräsident. Trotzdem: Schämen müsse man sich für das «C» nicht. Die CVP stehe für diejenigen christlichen Werte, auf denen die Schweiz aufgebaut sei.

Wie sieht das im politischen Alltag aus? Es sei etwa nicht CVPkonform, eine andere Partei runterzumachen. Natürlich müsse es drinliegen zu sagen: «Da hast du jetzt aber einen Blödsinn erzählt.» Ein politischer Gegner dürfe zwar als Person nicht angegriffen werden – seine politische Position hingegen schon. Als CVPler solle man auch nicht «verächtlich über Migranten sprechen». Dass man Schutzbedürftigen Schutz biete, bezeichnet Pfister als klare Aufgabe seiner Partei. Die schwierigere Frage sei, was mit denjenigen zu tun sei, die keinen Schutz vor Krieg suchten, sondern – «völlig zu Recht» – einfach eine bessere Zukunft wollten. Die Schweiz könne diese bessere Zukunft nicht allen bieten.

«Burkaverbot muss sein»

Pfister hat eine klare Vorstellung von seinem «idealen Asylwesen»: Die Schweiz soll vor Ort diejenigen holen, die Schutz brauchen. Diejenigen, die so arm sind, dass sie sich keine Reise und keine Flucht in ein anderes Land leisten können. Doch das würde erst dann möglich werden, wenn sich ganz Europa einigen würde, die Aussengrenzen besser zu schützen, und wenn die Migranten besser verteilt würden. «Jetzt ist das bloss eine Utopie», so Pfister. Er lobte die Arbeit der Schweizer Behörden, der Mitarbeiter des Grenzwachtkorps und der Asylzentren. Die Schweizer machten einen besseren Job als die Deutschen oder die Franzosen. «Gerade Deutschland hat sich durch die unkontrollierte Einwanderung ein massives Sicherheitsproblem eingehandelt. So weit dürfen wir es in der Schweiz nicht kommen lassen», so Pfister. Radikalismus und Fundamentalismus gelte es zu verhindern. Man müsse klar definieren, welche Werte in der Schweiz gölten, welche verhandelbar seien – und welche nicht. «Ein Burkaverbot muss sein», sagt Pfister etwa. «Es ist nicht einzusehen, warum jemand in der Schweiz eine Burka tragen sollte.» Ebenso nicht einzusehen sei aber, warum man ein entsprechendes Gesetz so in der Verfassung festschreiben müsse. Es gehe ihm nicht um die Burka an sich, sondern um die Mentalität, die dahinterstehe.

Gerhard Pfister hat gestern Abend nicht nur versucht, den Schaffhausern die Positionen seiner CVP näherzubringen, er sagte auch, was er im Gegenzug vom Kanton – und vor allem von der Stadt – hält . Ein «fantastischer und wunderbarer» Ort sei Schaffhausen. Und dem gehe es so wie der Schweiz in der EU – man werde unterschätzt, nur weil man klein sei. Die Schaffhauser litten unter gewissen Minderwertigkeitskomplexen und würden denken, sie hätten weniger zu bieten als die Zürcher. Das sei schade. Auch wenn es Pfister hier gut gefällt, so schnell wird er wohl nicht zurückkommen – auf jeden Fall nicht privat. Bis im Dezember habe er nur noch ein einziges freies Wochenende. Und das verbringe er mit seiner Frau in Italien.

Nachgefragt

«Schaffhausen ist ein wichtiger Kanton»

Der Nationalrat und Präsident der CVP Schweiz, Gerhard Pfister, erklärt, warum er die Schaffhauser Wähler bisher nicht von seiner Partei überzeugen konnte – und wie er das in Zukunft ändern will.

Der CVP-Wähleranteil im Kanton Schaffhausen ist – nun ja – überschaubar. Ist Schaffhausen ein unchristlicher Kanton?

Gerhard Pfister: Nein, aber es ist kein katholischer Kanton. Das ist nach wie vor CVPtypisch. Wir waren lange eine Volkspartei, wie es die SVP früher in den reformierten Kantonen war. Das gilt es zu ändern – aber das braucht Zeit.

Hier mehr Wähler zu gewinnen, steht also auf Ihrer politischen Agenda als Parteipräsident?

Pfister: Natürlich. Dort, wo wir noch klein sind, haben wir auch das grösste Wachstumspotenzial. Schaffhausen ist daher für die CVP ein sehr wichtiger Kanton.

Und wie schaffen Sie es, dass die Schaffhauser vermehrt CVP wählen?

Pfister: Es wäre vermessen zu sagen, dass ich nach so kurzer Zeit im Amt schon herausgefunden habe, wie ich das ändern kann. Grundsätzlich muss sich die CVP klarer positionieren und eigenständiger werden. Wir müssen aufhören, als Mittepartei nur zu reagieren. Wir müssen eigene Lösungen präsentieren, selbst wenn wir in Kauf nehmen, damit zu verlieren. Ich bin überzeugt, dass es auch in Schaffhausen Bürger gibt, welche diejenigen Werte wählen wollen, für die die CVP steht.

Welche Werte sind das?

Pfister: Die CVP hebt diejenigen christlichen Werte hervor, auf denen die Schweiz aufgebaut ist. Diese Werte müssen wir verteidigen – gerade auch im Hinblick auf Radikalismus und Fundamentalismus.

Interview Alexa Scherrer